75 Jahre Bornefeld-Orgel in Sonnenbühl-Genkingen

Klangfülle und Klanggewalt beim Jubiläumskonzert an der Bornefeld-Orgel

Virtuos und eindrucksvoll brachte Reimund Böhmig die Genkinger Orgel an ihrem 75. Geburtstag am 18. Mai 2014 zum Klingen.

In den Mittelpunkt seines Orgelspiels stellte er die Choralpartitia “Wir glauben alle an einen Gott“ von Helmut Bornefeld. Dieser hatte 1938/39 bei der Konzeption der neuen Orgel in Genkingen wesentlich mitgewirkt. „Bornefeld gehörte der Reformbewegung an. Gegen den vorherrschenden wilhelminischen Geist wollte diese neue, andere Töne anschlagen“, führte Böhmig zu Anfang aus. „Manches klingt dann auch wie Bürgerschreck.“ Die Genkinger Orgel sei Bornefelds „erstes Kind“, die 23 Jahre später erbaute Undinger Orgel dann sein „ausgereiftes Kind“ gewesen. Um das in manchem ungewöhnliche Bornefeld-Stück herum, hatte Böhmig mit Johann Ulrich Steigleders „Vater unser – Variationen“ ganz andere, wie er es nannte „fromme“ Klänge gewählt.

Am Ende bedankte sich Pfarrer Eberhardt bei Reimund Böhmig und dem Genkinger Organisten Willi Ströle, der das Konzert organisiert und auf den Weg gebracht hatte.

Aus dem Tagebuch der Genkinger Schleifladenorgel

„Dieser volle Klang und der neue Glanz – ich fühle mich wie seit Jahrzehnten nicht mehr!"

Beim Aufräumen nach der Orgelsanierung im Juli gab es einen überraschenden Fund:

Pfarrer Eberhardt stieß eingeklemmt neben dem Blasebalg auf ein Tagebuch der Genkinger Schleifladenorgel! Hier einige Bilder und Auszüge der letzten Wochen und Monate:

24. Dezember 2008: Schwitz, frier, stöhn, ächz. Zweimal 500 Leute und dann wieder Minusgrade. Das schlägt mir auf die Innereien. Keine Orgel hält solche Temperaturschwankungen unbeschadet aus. Mir schimmelt’s grau… 

6. Mai 2009: "Zahnarzttermin" - der Orgelbauergeselle Markus Klenk klettert zum Stimmen in meinem Bauch herum und entdeckt zu meiner Erleichterung und zum Schreck des Organisten und der Gemeinde den Schimmelpilz in meinem Inneren.

21. Oktober 2009: Aufregung pur! Der Orgelsachverständige ist da. Ob mir eine „Kur“ genehmigt wird? Wäre bei dem Verschleiß der letzten 20 Jahre dringend angeraten!

5. Januar 2010: Viele Visiten zur Zeit. Drei Herren „Doktoren des Orgelbaus“ inspizieren mich.

11. März 2010: Vorfreude! Der Kirchengemeinderat beschließt, dass mich Orgelbaumeister Friedrich Tzschöckel sanieren wird. Der hat mir schon 1986 gut getan.

5. Juli 2010: Jetzt geht’s los! Die Kirche wird zur Baustelle: Die Orgelbauer rücken an – und mir und dem Kruzifixus mit einem Gerüst auf den Leib.

7. Juli 2010: Komme mir ohne meine 1192 Pfeifen ziemlich leer und hohl vor. Aber die frische Luft in meinem Innern tut gut!

13. Juli 2010: Köstlich wie die Orgelbauer von meinem Zimbelstern begeistert sind. Das sei handwerkliche „High-Tech“ Stand 1938!

22. Juli 2010: So langsam sehe ich rot! Jetzt rücken die mit den Farbeimern an. Obwohl vorher wirkten die dunkel gestrichenen Abdeckungen wie „schwarze Löcher“.

25. Juli 2010: Die Sanierungsarbeiten sind abgeschlossen Ich fühle mich pudelwohl und fit wie seit Jahren nicht mehr.

Die Gemeinde feiert und der Pfarrer dichtet WM - trunken: „39-74-86-2010 – mit dem Choralbuch in der Hand und dem Halleluja im Herz werde ich Gotteslobmeisterin sein!“

20. September 2010: 11.272 € – danke, liebe Genkinger, dass ich Euch so viel an Spenden wert bin! Ihr begeistert mich!

24. Oktober 2010: Was war ich aufgeregt - Professor Bredenbach spielte auf mir. Das war ein Ohrenfestschmaus mit Leipziger Allerlei!

(aus dem Gemeindebrief Nr. 3 im Jahr 2010)

Eine kleine Orgelgeschichte

(aus dem Gemeindebrief Nr. 3 im Jahre 2006)

Vor 250 Jahren wurde Wolfgang Amadeus Mozart geboren, und wir feiern heuer sein Jubiläumsjahr.  So soll, obwohl natürlich Bach das A und O aller (Orgel)-Musik ist, das Salzburger Musikgenie zu Wort kommen: "Die Orgel ist doch in meinen Augen und Ohren der König aller Instrumenten!"  Wer könnte dem nicht zustimmen? Klingendes Gotteslob im Passauer Dom, in der Stuttgarter Stiftskirche oder in der neuen Frauenkirche Dresdens zu hören, wem geht da nicht das Herz auf? Das ist Verkündigung und zugleich unvergängliches Kulturgut.

Auch die Orgel der Genkinger Michaelskirche hat ihren Platz in der langen Reihe der "royalen" Instrumente.

Die Genkinger Steirer-Orgel von 1939

1939 kurz vor der beginnenden Weltkriegskatastrophe wurde unsere Kirche und die Orgel neu gebaut. Landesbischof Wurm weihte am Sonntag Kantate (7. Mai 1939) die Kirche und Professor Helmut Bornefeld ließ die Stimmen der von Firma Steirer erbauten ersten Schleifladenorgel Württembergs erklingen. An der Planung der neuen Orgel waren Hugo Distler, Helmut Gohl und Helmut Bornefeld beteiligt.

Wurde die alte Orgel noch als "kümmerliches Werkchen" bezeichnet, so kam Bornefeld im Organ des Kirchenmusikverbandes 1940 zur Ansicht, dass die neue Genkinger Orgel ein Lehrbeispiel ist für "hinreißend klangliches Feuer, bei dem die Süße zu Honigseim und das Rohe zu geformter Kraft wird".

Die Orgel hat 17 Register, was für die damalige Zeit und eine schwäbische Dorfkirche ungewöhnlich war. Nun, es war fast wie heute, mit nichts kann man den Oberkirchenrat in Stuttgart als Genehmigungsbehörde leichter überzeugen als mit finanziellen Argumenten, wenn sie für die Kirchenoberbehörde kostenneutral sind. So haben schon damals großzügige Spender zur Förderung der Musikalität und Bereicherung unserer Gemeinde beigetragen.

Leider sind im April 1945 bei einem Bombenangriff auf Genkingen alle (Orgel-) Akten des Pfarramtes verbrannt, außer den Kirchenbüchern. Diese wurden durch das beherzte Eingreifen von T. Schaible aus dem brennenden Pfarrhaus gerettet. Unser Genkinger Pfarrer Kölle befand sich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Zum Glück blieben aber Kirche und Orgel vor größeren Schäden verschont.

1974 wurde unsere Orgel von der Steirer-Nachfolgefirma Stahl generalüberholt. Wie sich durch zunehmende Anfälligkeit zeigte, waren beim Bau wegen der Kriegsvorbereitungen schlechte und unzureichende Materialien verwendet worden. Leider wurde mit der Behebung der Mängel - wie sich später erwies - der falsche Restaurator beauftragt. So schreibt darüber 1986 der landeskirchlichen Orgelsachverständige: "Das schlechteste an dieser Orgel ist nicht das Pfeifenmaterial - klanglich ist sie ein interessantes Denkmal der Orgelrestaurationsbewegung - sondern der völlig vermurkste technische Aufbau, den die restaurierende Firma zu verantworten hat. Ich habe in meinem ganzen Orgelpflegerdasein noch keine so verkorkste technische Orgelanlage gesehen!"

Dies führte zu einer weiteren Generalüberholung (1986), die sich wirklich gelohnt hat und zum heutigen zuverlässigen Zustand geführt hat. Die damalige Aussage des Orgelsachverständigen Gerhard Rehm: "Sie werden mit Ihrer Orgel in Zukunft keine Sorgen mehr haben", ist eingetroffen. Er wünschte dann noch der Gemeinde und ihren Organistinnen und Organisten viel Freude an dem schönen Instrument zum Lobe Gottes.

Unsere Organisten Sibylle Herrmann und Willi Ströle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

Diese Freude hatten bisher            

  • 1940 bis 1994 Rosa Herrmann
  • 1948 bis 1999 Gotthilf Herrmann

und haben

  • seit 1994 Willi Ströle
  • seit 1999 Sibylle Herrmann 

Wir Orgelspielenden kennen alle das Erleben von innerer Spannung, von zittrigen Händen, Aufgeregtheit und Nervosität. Aber wir kennen auch befreites und beseeltes Wiedergeben von eingeübten Kantaten und fröhlichen Präludien. Wo kann Trauer, Trost und Freude besser erfahren und erfühlt werden als in der Musik?

Wenn sich Posaunenchor und Orgel im Jubel eines "Lob, Ehr und Preis sei Gott" oder eines "O Du Fröhliche" vereinigen, dann möchten Organistin und Organist mit niemandem tauschen, dann ist gleichzeitig Weihnachten und Ostern.

 

Ansprechpartner:

Willi Ströle und Sibylle Herrmann Tel. 07128 2854

Orgel-Disposition

Hauptwerk (Manual I) 

  • 1. Prinzipal                     8'
  • 2. Harfpfeife                   8'
  • 3. Oktave                       4'
  • 4. Spitzquinte                 2 2/3'
  • 5. Mixtur 4-6 fach           1/3'
  • 6. Trompete                   8'
  •     Tremulant für Hauptwerk
  •     Koppel Hauptwerk - Pedal

Oberwerk (Manual II)

  • 7.   Lieblich gedackt           8'
  • 8.   Flötgedackt                 4'
  • 9.   Prinzipal                      2'
  • 10. Nasat                          1 1/3'
  • 11. Zimbel 2 fach
  • 12. Dulzian                        8'   
  •       Tremulant für Oberwerk
  •       Koppel Oberwerk - Hauptwerk
  •       Koppel Oberwerk - Pedal

Pedal

  • 13. Subbaß                      16'
  • 14. Prinzipalbaß                8'
  • 15. Choralbaß                   4' und 2'
  • 16. Bauernpfeife               2'
  • 17. Baßzink 3 fach             2 2/3

 

Zimbelstern